Pandemie – die Stunde der Eigenverantwortung

Plädoyer für die Kneipp´sche Gesundheitslehre

Der allgemeine Stillstand und die Tatsache, dass wir auf uns zurückgeworfen sind, ermöglicht uns Freiräume im Denken und Überdenken unseres Lebensstils. Wir reiben uns die Augen, wie die globale Reaktion auf ein Virus den Öko-Traum vom Leben ohne Schnickschnack in kürzester Zeit gnadenlos umsetzt: nichts geht mehr und schon scheint sich die Natur vom Virus Mensch zu erholen: die Bürger Venedigs sehen wieder auf den Grund ihrer Lagune und wir den reinen blauen Himmel über uns ohne die von manchen argwöhnisch beobachteten Kondensstreifen.

Wollen wir unseren Anspruch als „Krönung der Schöpfung“ nicht an Corona und seine unzähligen Nachkommen abgeben, gibt es reichlich zu tun: fieberhaft wird weltweit an Medikamenten geforscht. Die riesige Datenmenge positiv getesteter Personen wird ein Fest für die Präventions-Forschung: warum werden die einen krank, die anderen nicht? Zeigen sich gemeinsame Merkmale innerhalb einer positiven Covid-19-Gruppe? Was haben die Gesundgebliebenen, die leicht bis schwer Erkrankten oder die Verstorbenen gemeinsam? Wir sind gespannt auf die Ergebnisse und haben inzwischen Gelegenheit, unsere persönliche Prävention bezüglich unseres Lebensstils zu überdenken.

Natürlich gibt es Orte, an denen man Gesundheit für den Hausgebrauch richtig lernen kann. Langfristig bewahrt uns eine solche Erfahrung am eigenen Leib vor der Illusion, sich jeweils bedarfsweise Gesundheit einzukaufen oder sie vom Staat zu erwarten. Gesundheit nimmt uns selbst in die Pflicht. Wir haben es in der Hand, ob wir trotz Vorerkrankungen den Stress-Reizen des Lebens etwas entgegenzusetzen haben. Die Herausforderungen von heute sind nicht nur psychosozialer Natur, sie begegnen uns täglich in Form von Krankheitserregern und widrigen Umweltbedingungen. Stadtmenschen sind in Pandemie-Zeiten gefährdeter als Landmenschen. Und das nicht nur durch die Bevölkerungsdichte, sondern auch durch die Luftverschmutzung und Lärmbelastung. Ein Pfarrer Sebastian Kneipp würde uns wohl heute ähnliche Rezepte ausstellen wie anno dazumal und sich gleichzeitig freuen, dass die Schulmedizin durch zahlreiche Studien das Geheimnis seines Erfolges inzwischen gelüftet hat.

„Gesundheit gibt es nicht im Handel, sondern nur durch Lebenswandel“
Dies fasst zusammen, was er als Student am eigenen Leib erfahren hat.
BEWEGUNG – ERNÄHRUNG – ORDNUNG – KRÄUTER – WASSERANWENDUNGEN
Täglich angewendet funktionieren diese fünf Elemente in ihrer Einheit als Jung- und Gesundbrunnen.

Die Notwendigkeit von BEWEGUNG zur Erhaltung unserer Gesundheit ist uns sehr bewusst. Extremsportler bilden hier eine eigene Risikogruppe wie auch diejenigen, die das Gegenteil praktizieren und sich zu keinerlei Bewegung motivieren können.  Es hilft nichts, sich etwas vorzunehmen, was einem keinen Spaß macht. Als geeignetes Maß nehme man die Freude an welcher Bewegung auch immer, da sie sonst kein verlässlicher Begleiter im Leben sein wird.

Unsere ERNÄHRUNG wird angesichts der unüberschaubaren Vielfalt der Lebensmittel nicht einfacher und auch nicht unbedingt gesünder. Die Zubereitung wird zum Event stilisiert und die medial vermittelte kulinarische Beschäftigung zum Freizeitprogramm.  Dabei deuten die zahlreichen Lebensmittel-Unverträglichkeiten möglicherweise darauf hin, dass unser Magen-Darm-Trakt die Globalisierung auf dem Teller noch nicht mitgemacht hat. Einfach, gesund und frisch sollte unser Essen sein.
„Wenn Du merkst, du hast gegessen, hast Du schon zu viel gegessen“, ist einer der markanten Kneipp-Sprüche.

Wenn wir beim Kochen mit mehr KRÄUTERN als Salz würzen, dann ist nicht nur unser Herz-Kreislauf-Risiko reduziert, sondern auch die Apotheke der Natur genutzt. Aus dem reichen Fundus der Heilpflanzen sei in Zeiten der erhöhten Ansteckungsgefahr mit der Zistrose und dem Meerrettich auf Substanzen hingewiesen, die durch ihre Wirksamkeit gegen Viren und Bakterien bei den ersten Anzeichen von Infektionen mit Erfolg eingesetzt werden.

Die LEBENSORDNUNG meint unser seelisches Gleichgewicht. Hier ist die Faszination asiatischer Lebensphilosophien ungebremst, während die in der westlichen Kultur entstandenen klassischen Naturheilverfahren eher in Vergessenheit geraten. Jeder Medizinstudent lernt heute an der Universität  die „Klassischen Naturheilverfahren“, die auf der umfassenden Kneipp`schen Gesundheitslehre gründen. Schlafstörungen, psychosomatische Erkrankungen, Anpassungsstörungen in belastenden Lebensphasen wie z.B. die aktuelle Quarantäne und finanzielle Krisen sind Beispiele dafür, wie schnell unsere innere Ordnung aus dem Gleichgewicht geraten kann. Neben Entspannungsverfahren und professioneller Gesprächsintervention führen z.B. Biofeedback-Verfahren anschaulich vor, wie ich in Ausnahmesituationen reagiere: was sagt meine Herzfrequenz, mein Blutdruck, mein Hautwiderstand und die Atemfrequenz über mein Stresslevel aus – wie gut kann ich mich nach einem Stressreiz wieder entspannen? Längere psychische Belastungen manifestieren sich häufig „psychosomatisch“ in körperlichen Krankheiten und können auf „somatopsychische“ Weise Abhilfe erfahren.

Effektiv und nachweislich geschieht dies durch die Kneipp´schen Anwendungen, von denen heute über 120 verschiedene praktiziert werden. Neben Wickeln, Packungen und Waschungen ist die Hydrotherapie zu Hause am leichtesten durchführbar: WASSER-ANWENDUNGEN härten ab und führen zu einer erhöhten Resilienz. Im Gegensatz dazu geben reine Wärmeanwendungen dem Körper schnelle Energie, die kurzfristig sehr angenehm empfunden wird. Eine nachhaltige Wirkung ist dadurch nicht zu erwarten. Das Wirkprinzip der wechselwarmen Wasser-Anwendungen ist das Reiz-Reaktions-Prinzip. Es bewirkt ein ganzes Arsenal an Reaktionen, die in Studien untersucht wurden: Unser Immunsystem wird gestärkt, unsere Widerstandskraft gegenüber Stress erhöht, die Durchblutung sichtlich gesteigert, der Stoffwechsel spürbar angeregt und Schmerzzustände messbar gelindert. Durch ein thermisches Training in der Dusche zu Hause gibt es Gesundheit praktisch gratis. Wie auch beim körperlichen Training beginnt man klein, z.B. bis zum Knie und mit geringen Temperaturdifferenzen. Gesteigert wird erst, wenn der Körper den Reiz als solchen nicht mehr wahrnimmt. Die praktische Durchführung ist so kurz wie einfach: einem ca. 20 Sekunden andauerndem Warmreiz folgt ein kurzer Kaltreiz nach dem Motto: je krasser desto kürzer! Das tiefe Durchatmen dabei wirkt der kurzen Schrecksekunde wohltuend entgegen. Kneipp´sche Güsse unterhalb des Bauchnabels senken den Blutdruck, während sie am Rumpf den Kreislauf in Schwung bringen. Herzkranke sollten daher auf Kaltwasserreize am Oberkörper verzichten. Zur Vorbeugung von Infekten bietet sich z.B. ein dreimaliger morgendlicher Gesichtsguss an, der alternativ auch mit Kaltwasser-gefüllten Händen über dem Waschbecken erfolgen kann. Als besonders nachhaltiger Influencer findet Pfarrer Sebastian Kneipp seit 150 Jahren in der westlichen Welt eine enorme Verbreitung, die auf der einfachen Einsicht beruht:

„Gesund bleiben und lang leben will jeder, aber die wenigsten tun etwas dafür. Wenn die Menschen nur halb soviel Sorgfalt darauf verwenden würden, gesund zu bleiben und verständig zu leben, wie sie heute darauf verwenden, um krank zu werden, die Hälfte ihrer Krankheiten bliebe ihnen erspart.“

 

Dr. med. Cordula von der Ropp
Fachärztin für Innere und Allgemeinmedizin
Naturheilverfahren – Ernährungsmedizin – Kneippärztin
Leitung Medizin Sebastianeum Bad Wörishofen
Gründungshaus von Pfarrer Sebastian Kneipp

 

Kategorie Gesundheit
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